Der Stern, der deinen Namen trägt

»Hast du es schon bewertet?«

Mit dieser Frage sind Mann und Frau von heute täglich mehrmals konfrontiert. 

Das Vergeben von Sternen, Punkten, Daumen oder Smileys gehört heute zum guten Ton. Tut man es nicht, so gehört man nicht dazu. Man ist außen vor, man ist ein meinungsloser Schatten, ein asoziales Wesen, ein anti-social-network Soziopath mit völligem Empathiemangel.

Also so wie ich.

Nun leide ich als gesichts- und namenloser (zumindest pseudonymbehafteter) Autor unter genau jenen Wesen, die eben so sind wie ich: In Stille genießende oder leidende Menschen, die sich dagegen sträuben, ihre Gefühle (sei es Begeisterung oder Abscheu) in Echtzeit mit der Außenwelt zu teilen. Ich bin ein Mensch, der vorher gerne nachdenkt, bevor er sich eine Meinung bildet. Ein mit sozialen Medien inkompatibles Individuum, das seinen Daumen gerne für sich behält, bevor er ihn vorschnell unter das siebzehnte »Ich-habe-meine-erste-Christbaumkugel-selbst-bemalt-Bild« der Schwägerin von der Freundin des Nachbarn setzt.

Alle, die ihr so seid wie ich: LEUTE! Mit euch ist nichts anzufangen!

Ihr seid antiquiert und altmodisch. Weder 6, 7 noch epic, fresh oder clean, sondern einfach nur total weird, lost und cringe. Man bekommt direkt einen Peinlichkeits-Overkill mit euch!

Ihr müsst bewerten! Jetzt! Immer! Sofort!

Der neue erstrebenswerte Zustand ist es sternvoll zu sein (nicht sternhagelvoll wohlgemerkt), sondern im vollen Füllzustand wirtschaftlich überlebensnotwendiger 5 Sterne!

Befindet man sich nicht in diesem Zustand (mit etwa nur 4 Sternen - Gott bewahre!), dann ist man weg vom (social) Window.

Was aber NOCH schlimmer ist, als nur 3 oder 4 Sterne einer Bewertung ist GAR KEINE!

Ein Produkt, ein Gerät, ein Service, ein Angebot EXISTIERT gar nicht, solange es nicht bewertet wurde. Und das gilt in noch extremerer Form für Bücher! Ohne Bewertung, ohne Rezension, ohne Kommentar und ohne Sterne gibt es das Buch nicht. Es ist nicht existent. Nicht real, nicht vorhanden. Es wurde sozusagen noch gar nicht geschrieben. Weniger als das: Es gibt noch nicht einmal die Idee davon, es zu schreiben. Es ist weniger als eine vage Idee, vielleicht ein Schatten aus einer Parallelwelt, der unwirklich herüberleuchtet. Unwirklich. Ein Quantenbuch aus einer anderen Dimension.

Genau so fühlen sich meine unbewerteten Bücher derzeit auf Amazon. Von der großen, weiten Welt der fleißigen Leser alleine gelassen, ignoriert, unbeachtet, übergangen, übersehen, wie Luft behandelt (obwohl ich erst bei Element Holz und Wasser bin).

Nur unbewertet ist schlimmer als unterbewertet.

Während ich also versuche, mich anzupassen, und fünf grinsende Smileys auswähle, um meinem Smartphone zu sagen, dass ich es gut finde (weil es mir sonst mit Sicherheit den weiteren Dienst verweigern würde), tippe ich weiter flehentlich in meinen Texteditor ein, um euch zu bekehren und zu getreuen Dienen der Konsumgesellschaft zu machen!

Gebt Sterne!

Gebt sie mir!

Bitte!

Es ist sogar sehr einfach, sich als Diener des Mainstreams zu verdingen. Man verhalte sich folgendermaßen: Zuerst navigiert man auf dem Transportmittel seiner Wahl auf die von allen verhasste Plattform, auf der Alexa bereits heute Morgen ganz ohne unser Wissen Batterien, Socken und die Badeshorts für den nächsten Sommerurlaub bestellt hat und gehe zu »Warenrücksendungen und Bestellungen«. Dort scrolle man so weit nach unten, bis jener Eintrag kommt, der dazu diente, jenes grüne oder blaue Exemplar des Kienburger’schen Buches käuflich zu erwerben und klicke hernach auf »Schreib eine Produktrezension«.

Nun blickst du ihnen ins Auge, den fünf magischen Sternen, die nur von einer dünnen, orangen Linie umrahmt darauf warten, von dir mit Leben erfüllt zu werden. Führe deinen Mauszeiger mit Inbrunst und fülle mit Eleganz!

Nun kommt die schwere Arbeit: Du musst der Rezension einen Titel geben (als Inspiration versuche es mit: »Gut« oder »Spannend« oder »Hab’s verschlungen«). Denselben Text kannst du mit Liebe auch in das Feld »Eine Rezension schreiben« eingeben, oder dir sogar einen vollständigen Satz dazu überlegen. Drückst du nun auf »Absenden« hast du dein gutes Werk getan, deine Pfadfindertat für den heutigen Tag erledigt und du gehörst dazu! Zu jenen, die ihr Herz auf der Zunge tragen und ihre Meinung mit Sternbekundungen in die Welt tragen! Ich gratuliere dir.

Und mir!

DANKE!